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Lesen Sie hier eine Buchbesprechung von Ingo Pauler.

Blauzungenskinke – Beiträge zu Tiliqua und Cyclodomorphus

Von: Andree Hauschild, Klaus Henle, Robert Hitz, Glenn Shea & Heiko Werning

Andree Hauschild, Klaus Henle, Robert Hitz, Glenn Shea & Heiko Werning (Hrsg.) (2000): Blauzungenskinke – Beiträge zu Tiliqua und Cyclodomorphus. – Natur und Tier - Verlag, Münster; 288 Seiten, 129 Farbfotos, 13 Zeichnungen, 16 Karten, Hardcover; ISBN 3-931587-33-9; € 78,-

 

Blauzungenskinke – ein Werk, das lange angekündigt war, ist im Jahr 2000 endlich erschienen. Um es vorwegzunehmen: Das Warten hat sich gelohnt! Kein Wunder – nur ausgewiesene Fachleute haben Beiträge geschrieben. Ein positiver Unterschied zu manchen Werken von Autoren, die sich berufen fühlen, Bücher über alle möglichen Reptiliengruppen zu schreiben, ohne über entsprechende Kenntnisse zu verfügen. Mit dem Buch „Blauzungenskinke“ liegt ein Werk vor, das Seite für Seite seriöses Fachwissen weitergibt – eine Wohltat, dass hier nicht das Streben nach der „schnellen Mark“ federführend war.

Das Buch ist hervorragend bebildert. Manche Kapitel werden zwar mehr den Wissenschaftler interessieren, aber Beschuppungsangaben z. B. können auch nützlich bei der Bestimmung „schwieriger“ Exemplare beim Terrarianer sein. Alle Beiträge zeichnen sich durch mehr oder minder umfangreiche Literaturhinweise aus.

Das Werk beginnt mit dem Kapitel „Geschichte und Systematik“ von Glenn M. Shea, der sich auch in seiner Dissertation mit diesem Thema beschäftigt hat. Besonders interessant für den Terrarianer sind die Ausführungen zu Hybriden. Der nächste Beitrag von Andree Hauschild, „Die Gattung Tiliqua im Tagesablauf der Aborigines“, behandelt die Bedeutung von Tiliquen für die Aborigines kurz und interessant – wenn man als Terrarianer Tiliqua multifasciata auch lieber lebend denn als Nahrungsmittel hätte. Anthony Herrels Beitrag beschäftigt sich mit der Blaufärbung der Zunge bei Tiliqua und kommt zu dem Schluss, dass sie eine Verteidigungsfunktion haben könnte. Markus Limberger erörtert die „Funktionsmorphologie der Organe der Leibeshöhle bei Tiliqua“. Ich gebe zu, dass ich mich zwingen musste, diese Arbeit zu lesen – es hat sich aber gelohnt. Der Autor hat sich mit diesem Thema im Zuge seiner Dissertation beschäftigt und stellt fest, dass die Organe bei Tiliqua ein hohes Maß an Plastizität aufweisen. Das erklärt auch, warum es bei Tiliquen oft schwierig ist, selbst hochträchtige Weibchen als solche zu erkennen! Der Beitrag von Robert Hitz und Thomas Ziegler bringt für den Terrarianer Wichtiges zur Geschlechtsunterscheidung bei Tiliqua, denn die Externmorphologie hilft nicht immer. Thomas Ziegler und Wolfgang Böhme berichten über die Genitalmorphologie der Blauzungenskinke“. Mangels ausreichenden Untersuchungsmaterials konnten zwar nicht alle taxonomischen Fragen geklärt werden, aber die Hemipenisstruktur der Tannenzapfenechse weist auf enge Verwandtschaft mit anderen Blauzungenskinken hin und unterstützt die Einordnung in die Gattung Tiliqua. Robert Hitz beschreibt in dem Artikel über „Trächtigkeits- und Geburtskomplikationen“ – davon ausgehend, dass Tiliqua zu den viviparen, d. h. „echt lebendgebärenden“ Reptilien zählt –, den weiblichen Fortpflanzungszyklus dieser Echsen. Es folgt die Beschreibung von Eierstock- und Eileiterentzündungen sowie von Missbildungen und Totgeburten. Mögliche Gründe dafür werden diskutiert. Auch eine detaillierte Schilderung des Kaiserschnittes fehlt nicht. Für Tiliqua nigrolutea liegen zudem Zahlen zur Häufigkeit von Komplikationen und Missbildungen unter Terrarienbedingungen vor. Carolin Dennert beschäftigt sich mit der Ernährung der Blauzungenskinke“. Mit Ausnahme des Schneckenskinkes sind alle Blauzungen Allesfresser. Dementsprechend ist der Verdauungsapparat aufgebaut. Sowohl in der Natur als auch im Terrarium nehmen Blauzungen eine Vielzahl pflanzlicher und tierischer Nahrung zu sich. Eine Tabelle gibt hierzu eine gute Übersicht. Der Beitrag enthält weiter wichtige Hinweise zur Fütterung im Jahresverlauf. Eine umfangreiche Tabelle mit der Zusammensetzung von Futter für Tiliquen schließt ihn ab. „Biologie von Tiliqua rugosa aspera“ stammt von Robert Hitz und Klaus Henle – ein ideales Gespann: der eine einer der erfolgreichsten Pfleger und Züchter von Blauzungen, der andere ein Herpetologe, der seit Jahren Feldarbeit in Australien betreibt. Auf 15 Seiten legen die Verfasser eine umfassende Studie dieser Tannenzapfenechsen vor, wobei sie eigene Beobachtungen und Angaben in der Literatur berücksichtigen. Im folgenden Beitrag zur Haltung und Vermehrung dieser Tannenzapfenechsen-Unterart liefert Robert Hitz zusätzliche Informationen zur Terrarienhaltung und sieht in Tiliqua rugosa aspera eine ideale Art für das Terrarium. Die restriktive Artenschutzgesetzgebung Australiens steht dem leider im Wege. Peter Ferger und Robert Hitz berichten über Biologie, Haltung und Vermehrung des Westlichen Tannenzapfenskinks (Tiliqua rugosa rugosa). Nicht alle gehaltenen Skinke konnten über die Jahre zur Fortpflanzung gebracht werden. Möglicherweise ist dauernde Haltung in Gruppen einer der Gründe. Heidrun Röhe stellt mit Tiliqua rugosa konowi die kleinste – und am seltensten gepflegte – Unterart der Tannenzapfenechse vor. Umso erfreulicher ist, dass die Zucht einigermaßen regelmäßig gelingt. Glenn M. Shea beschreibt mit der „Shark-Bay-Stutzechse Tiliqua rugosa palarra“ eine neue Unterart der Tannenzapfenechse von der Shark Bay in Westaustralien. Mark Hutchinson und Tom Milne widmen sich in ihrem Beitrag der Adelaide-Zwergblauzunge (Tiliqua adelaidensis). Im 20. Jahrhundert wurde befürchtet, dass diese Art ausgestorben sein könnte. Erst 1992 wurde dann bei der Sektion einer Giftnatter ein gut erhaltenes Exemplar gefunden. Ein daraufhin gestartetes Forschungsunternehmen konnte die Zwergblauzunge in mehreren nicht veränderten Lebensräumen nachweisen. Ihre Lebensweise wurde studiert. Die Haltung im Terrarium ist schwierig, da die Tiere extrem aggressiv sind, ihre Zucht im Zoo ist noch nicht gelungen. Andree Hauschild stellt den Gebänderten Blauzungenskink (Tiliqua multifasciata) vor. Die Art wird ausführlich dargestellt – im Biotop und im Terrarium. Robert Hitz schreibt „zur Biologie, Haltung und Vermehrung von Tiliqua nigrolutea und stellt auch diese Art umfassend vor. Er selbst bezeichnet die Arbeit als Synopsis – mit Recht. Für den Terrarianer äußerst wertvoll ist das Überwinterungsprotokoll, dessen Einhaltung wichtig für erfolgreiche Nachzuchten sein dürfte – zumindest bei der Hochlandform. Beim Verfasser gelang die Umstellung auf den europäischen Jahreszyklus. Heidrun Röhe schließt mit „Haltung und Fortpflanzung von Tiliqua occipitalis“ an. Wichtig ist der Abschnitt über „Blauzungenpsychologie“ – größere Reptilien sind „Persönlichkeiten“, auf die man eingehen muss, wenn man langjährige Erfolge bei Haltung und Zucht erzielen möchte. Glenn M. Shea beschreibt anschließend mit dem Sunda-Blauzungenskink (Tiliqua scincoides chimaerea)  eine weitere neue Unterart. Diese Neubeschreibung ist insofern besonders bedeutend, als in den letzten Jahren diese Skinke mehrmals aus Indonesien importiert wurden.  Haltungserfahrungen wurden bisher meines Wissens nicht publiziert. Paul Horner stellt den Nördlichen Blauzungenskink (Tiliqua scincoides intermedia) vor. Seine Arbeit beschränkt sich im Wesentlichen auf Freilandbeobachtungen. Thomas Unverzagt hingegen berichtet über „Kontinuierliche Haltung und Fortpflanzung von Tiliqua scincoides scincoides im Terrarium“. Aller guten Dinge sind drei! Glenn M. Shea beschreibt mit Tiliqua gigas evanescens eine dritte neue Unterart in diesem Buch und vergleicht sie ausführlich mit den bisher bekannten Unterarten der Neuguinea-Blauzunge. Über die Habitatansprüche der einzelnen Subspezies ist wenig bekannt – es scheint sich um eine Art zu handeln, die eher feuchtere Habitate bevorzugt als T. scincoides. Die Arbeit sollte jeden Pfleger anregen, seine Tiere genau zu bestimmen. Paul Gaßner schließt mit einem Erfahrungsbericht über die „Haltung und Vermehrung von Tiliqua gigas im Terrarium“ an und bestätigt, dass eine leicht feuchte Haltung neben trockenen Stellen empfehlenswert ist. Bemerkenswert sind das schnelle Wachstum und die frühe Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere. Im folgenden Beitrag berichten Robert Hitz und Andree Hauschild über „´Neue´ Blauzungenskinke aus Indonesien“. Sie vertiefen unsere mageren Kenntnisse über die Unterarten von Tiliqua gigas – inklusive der im Buch neu beschriebenen Formen sowie über Tiliqua scincoides ähnliche Skinke aus dem Südosten Irian Jayas. Dieselben Autoren, nur diesmal in umgekehrter Reihenfolge, geben anschließend hervorragende „Bestimmungshilfen für die Echsengattung Tiliqua“. Zur Anwendung des Bestimmungsschlüssels bedarf es einer gewissen Erfahrung – in einigen Fällen wird die Bestimmung wohl nur bis zur Art gelingen. Den Beitrag beschließt eine steckbriefartige Charakterisierung der 14 Tiliqua-Arten – in den meisten Fällen dürften allerdings die Abbildungen im Buch schneller zum Ziel führen. Beate Löhr wendet sich anschließend der zweiten Blauzungenskink-Gattung zu und stellt in ihrem Beitrag den Schneckenskink (Cyclodomorphus gerrardii) vor. Nach Hinweisen zum Aussehen, zu den – kaum vorhandenen – äußerlichen Geschlechtsunterschieden, der immer noch strittigen Taxonomie, zur Verbreitung und Biologie/Ökologie folgt eine eingehende Beschreibung von Haltung und Zucht, wobei auch Erfahrungen anderer Pfleger berücksichtigt werden. Glenn M. Shea setzt sich mit dem „Cyclodormorphus-branchialis-Komplex“ auseinander. In gewohnter Gründlichkeit wird das schwierige Thema abgehandelt. Derselbe Autor stellt dann auch die Sheoak-Skinke des Cyclodormphus-casuarinae-Komplexes vor. Heiko Werning beschäftigt sich eingehend mit Aspekten zu „Haltung, Gefährdung und Schutz – Blauzungen gestern und heute“. Er beschreibt die Geschichte der Terrarienhaltung und nennt den Gefährdungsstatus der Tiere: Mit Ausnahme von Tiliqua adelaidensis ist keine Art gefährdet. Anschließend wird die Exportsituation in den Herkunftsländern erörtert, und ausführlich wird auch die Gesetzeslage in den einzelnen australischen Bundesstaaten dargestellt, was die Haltung von Blauzungenskinken betrifft. Die Importsituation in Deutschland folgt. Glenn M. Shea hat eine löbliche „Synonymliste für die Gattungen Cyclodomorphus und Tiliqua“ erstellt. Robert Hitz und Klaus Henle bieten „Hinweise zur Literatur über die Gattungen Tiliqua und Cyclodomorphus“ und empfehlen die Suche in Universitätsbibliotheken nach unveröffentlichten Dissertationen („hidden herpetology“). Auf die Bedeutung des Internets als Wissensquelle wird hingewiesen und ein Gesamt-Literaturverzeichnis zum vorliegenden Werk geboten. Ein Glossar von Andree Hauschild und die Kurzvorstellung der Autoren beschließen das Werk.

An dieser Stelle sollte nun die Kritik folgen, aber dies ist schwierig. Das Buch zeichnet sich wohltuend dadurch aus, dass es nur ganz wenige Flüchtigkeitsfehler enthält. Lediglich auf Seite 113 wird der Leser verwirrt, da im Titel „Peters, 1864“ steht, im Aufsatz aber von 1863 die Rede ist. Ein Blick ins Literaturverzeichnis zeigt, dass 1864 die richtige Jahreszahl ist.

Ich habe seit langem keine herpetologische Neuerscheinung in Händen gehabt, deren Lesen mir so viel Freude bereitet hat. Mein Gesamturteil lautet daher: Uneingeschränkt empfehlenswert!

Ingo Pauler

Publiziert in: REPTILIA, 40: 94-96